Totalitarismus: Totalitäre Organisationsformen und Ideologien als fiktive Gegenwelt

In ihrem Werk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (1955) hat Hannah Arendt ihre politische Theorie vom Totalitarismus als eigenständiges Phänomen des 20. Jahrhunderts entwickelt. Als Schlüsselbegriffe gelten Masse und Ideologie.  Eine Kurzcharakteristik von einzelnen Merkmalen und Prinzipien der totalen Herrschaft.

Hannah Arendts Analyse der totalen Herrschaft ist phänomenologischer Natur, d.h. sie versucht das eigentliche Wesen, „das wesentlich Neue, das nämlich, was diese Herrschaft wirklich zu einer totalen Beherrschung macht, in den Blick zu bekommen.“ (Elemente und Ursprünge der totalen Herrschaft, 946). Denn, wie bereits mehrfach angedeutet wurde, ist der Totalitarismus keine moderne Variante der historisch bekannten Tyrannis, Despotie oder Diktatur, sondern ein originäres Phänomen des 20. Jahrhunderts.

Also ging es Hannah Arendt weder primär um eine historische Aufarbeitung des Nationalsozialismus oder Kommunismus stalinistischer Prägng, noch sah sie die verschiedenen faschistischen und kommunistischen Regime automatisch als totalitär an.

Vielmehr war es ihr Ziel, aufgrund bestimmter Strukturelemente nationalsozialistischer und kommunistischer Herrschaft einen Idealtypus der totalen Herrschaft im Weberschen Sinne zu konstruieren, der den Ausgangspunkt in ihrem oben genannten philosophischen Ansatz hat.

Der Massencharakter der totalen Herrschaft
Die totalitären Herrschaftsformen gingen nicht aus einer politischen Partei hervor, die sich durch einen revolutionären Akt des Staates bemächtigte und der Bevölkerung ihren politischen Willen aufzwang. Vielmehr entstanden sie aus neuen politischen Bewegungen, die sich strukturell gänzlich von bisher gekannten Parteien unterschieden. Waren Parteien per definitionem meist Interessenvertretungen einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht, repräsentieren die totalitären Bewegungen die aus dem Zerfall des traditionellen Klassensystems hervorgegangen apathischen und voneinander isolierten Massen, die alle der Hass auf das Bestehende und die Sehnsucht nach Führung und Zielsetzung einte.

Ohne Massenbasis ist für Arendt die totale Herrschaft nicht denkbar. „Totalitäre Bewegungen sind Massenbewegungen, und sie sind bis heute die einzige Organisationsform, welche die modernen Massen gefunden haben und die ihnen adäquat erscheint.“ (Ebda, 663). Denn charakteristisch für den modernen Massenmenschen, der seinen Ort in der Gesellschaft verloren hat, ist seine „Selbstlosigkeit und Desinteressiertheit am eigenen Wohlergehen“. (Ebda, 660).

Diese „Sucht nach Anonymität, nach reinem Funktionieren, nach Aufgehen in einem sogenannten größeren Ganzen“, „nach jedlicher Verwandlung, die dazu verhelfen könnte, die eigene, unechte Identität mit bestimmten Rollen und vorgeschriebenen Funktionen in der Gesellschaft auszulöschen machten sich die aus dem bürgerlichen Mob hervorgegangenen Führer der totalitären Bewegung zueigen, indem sie eine in sich völlig widerspruchsfreie Weltanschauung propagierten und hierfür nur bedingungslosen Gehorsam und bedingungslose Hingabe von seiten der Massen einforderten.

Im Unterschied zu herkömmlichen Diktaturformen hatte die Machtergreifung für totalitäre Bewegungen nie das Ziel, ein bestimmtes Parteiprogramm im herkömmlichen Sinne in der Bevölkerung durchzusetzen. Die Macht war für sie nur ein Mittel für das eigentliche Ziel, „nämlich die ständige und sich auf alles erstreckende Beherrschung eines jeden einzelnen Menschen.“ (Ebda, 702). Durch die totale Kontrolle des Menschen, auch „von innen her“ (Ebda, 701), sollte aus der unstrukturierten Masse ein einheitlicher politischer Körper entstehen, der bedingungslos dem Willen seiner Führer ausgesetzt ist.

Die klassische Trennung von Staat und Gesellschaft im Sinne von Herrschern und Beherrschten wird ersetzt durch die völlige Einheit im Denken und Handeln von Führer und Masse. In diesem Sinne ist „der totalitäre Führer wirklich nichts als ein Exponent der von ihm geführten Massen.“ ( Ebda, 701). Der Ideologie und der Organisation der Massen kommen hierbei eine ganz entscheidende Rolle zu.


Totalitäre Ideologien als Herstellung einer fiktiven Gegenwelt

Die Ideologien der totalitären Bewegungen sind gekennzeichnet durch ihren Absolutheitsanspruch. Sie geben den weltfremden Massen den Schlüssel zur Lösung aller ihrer Probleme vor, indem sie ihnen eine fiktive, in sich geschlossene, restlos stimmige Gegenwelt vermitteln, die die Entfremdung des modernen Menschen von der wirklichen Welt scheinbar kompensieren. Diese Ideologien zeichnen sich nach Arendt wesentlich durch zwei totalitäre Elemente aus, die die Beherrschung eines jeden einzelnen Menschen in die totale Herrschaft möglich machen. Das ist zunächst der bereits genannte ‚Anspruch der totalen Welterklärung‘, sie ‚verspricht die totale Erklärung alles geschichtlich sich Ereignende, und zwar totale Erklärung des Vergangenen, totales Sichauskennen im Gegenwärtigen und verlässliches Vorhersahen des Zukünftigen.‘ (Ebda, 964). Die totalitäre Bewegung gibt also vor, nicht nur als einzige die Realität, sondern auch den zukünftigen Geschichtsverlauf im Ganzen zu kennen.

In ihrer ideologischen Allwissenheit will die totalitäre Bewegung den weiteren geschichtlichen Gang also nach ihrem Willen bestimmen, indem sie ihn wie ein Naturgesetz zur historischen Notwendigkeit erklärt. Die Bewegung kann also nur totalen Gehorsam gegenüber ihren ideologischen Vorstellungen verlangen, weil sie sowieso nur das vorwegnimmt, was ohnehin notwendigerweise geschehen muss. Der einzelne Mensch wird dadurch völlig überflüssig, er ist nur noch der Exponent eines abstrakten Prozesses und Mittel zum Zweck der Herstellung der ‚ideologisch fixierten Geschichtsherstellung‘.

Diese allwissende Ideologie ist weiterhin durch ihre völlige Realitätsferne gekennzeichnet. Denn „idelogisches Denken ist, hat es einmal seine Prämisse, seinen Ausgangspunt statuiert, prinzipiell von Erfahrungen unbeeinflussbar und von der Wirklichkeit unbelehrbar.“ (Ebda 966). Die totalitäre Bewegungen erkennen die erfahrbaren Tatsachen der Wirklichkeit nur an, wenn sie sich nahtlos in die vorherrschende Ideologie einpassen. Stehe diese zur Ideologie im offensichtlichen Widerspruch, werde diese im Sinne der Weltanschauung umgedeutet. Ein ereignis oder eine Erfahrung kann also nie von sich aus, sondern nur durch die Ideologie einen Sinn erhalten. Damit sollte das autonome Nach-denken über Sinneszusammenhänge völlig ausgeschaltet werden. Das Beharren der totalitären Bewegungen auf das alleinige Bedeutungsmonopol der Ideologie, das von keiner noch so überzeugenden Realität angefochten wird, hatte primär das Ziel, gegenüber der ungeliebten Wirklichkeit eine Art fiktiven Weltersatz zu schaffen.

Diese totalitäre Fiktion war für die orientierungslosen Massen vor allem wegen ihrer systemimmanenten Logik so attraktiv. Denn ausgehend von einer wissenschaftlich gesicherten Prämisse – so bei den Nationalsozialisten die Deutung der Geschichte als Rassenkampf bzw. bei den Kommunisten der Klassenkampf – konnte mit absoluter Folgerichtigkeit und Zwangsläufigkeit auf as zukünftige Geschehen geschlossen werden konnte. Diese „logisch deduzierende Beweisführung“ der Ideologien, die der Wirklichkeit gar nicht mehr bedarf, beweist der orientierungslosen Masse deren Notwendigkeit.

Durch die Ideologie versucht die totalitäre Bewegung also eine fiktive Welt mit ihren eigenen Regeln und Grenzen festzusetzen, der sich die Massen mit ihrer Sehnsucht nach Führung freiwillig unterwerfen. Die Ideologie, zum übergeordneten Gesetz der Geschichte oder Natur erhoben, wird damit zum entscheidenden Band zwischen Herrschern und Beherrschten. An die Macht gelangt, soll die Wirklichkeit durch die fiktive Welt der Ideologie ersetzt werden. Die Herstellung der totalitären Fiktion, sei es die Errichtung der klassenlosen Gesellschaft oder die Herrschaft einer arischen Herrenrasse, ist prinzipiell solange gefährdet, wie es eine nicht-totalitäre Umwelt gibt. Denn dadurch kann jederzeit die Wirklichkeit, die die nicht-totalitäre Umwelt repräsentiert, in diese fiktive, ideologische Welt einbrechen und diese zum Einsturz bringen.

Das Ziel einer totalen Beherrschung der Menschen durch den inneren ideologischen Zwang einer totalen Herrschaft ist damit notwendigerweise auf die Weltherrschaft ausgerichtet. „Der Kampf um die totale Herrschaft im Weltmaß und die Zerstörung aller anderen Staats- und Herrschaftsformen ist jedem totalitärem Regime eigen, weil keines auf Dauer halten könne, ohne die gesamte Wirklichkeit der Erde zuverlässig zu kontrollieren und jede Faktizität innerhalb der Menschenwelt auszuschalten.“ (ebda, 821).Die totalitären Bewegungen müssen sich also völlig gegenüber der Tatsächlichkeit der nicht-totalitären Umwelt abschotten, dabei aber auch bei der Machtübernahme im Staat ihren revolutionären Bewegungscharakter beibehalten, um einerseits im Inneren die Massen ideologisch in Bewegung zu halten, andererseits die Ideologie in die Außenwelt zu exportieren.

Totalitäre Organisationsformen

Hierfür wurden in den totalitären Bewegungen spezielle Organisationsstrukturen geschaffen. So ist für die totalitäre Bewegungen charakteristisch die „Schaffung von Frontorganisationen und die Unterscheidung von Parteimitgliedern und Sympathisierenden“ (Ebda, 767). Die Frontorganisationen integrieren dabei die fanatisch ideologische Minorität der Parteimitglieder. Sie dienen der totalitären Bewegung als „Schutzwall“, indem sie diese ideologische Eltie von der feindlichen Umwelt abschotten und gleichzeitig im Schoße der „nichttotalitären Gesellschaft“ eine „totalitäre Gegengesellschaft“ (Ebda, 781) bilden. Die normalen Parteimitglieder bekennen sich zwar zur Ideologie, sind aber ideologisch nicht im gleichen Maße indoktriniert, weil sie als Brücke zwischen der Ideologie der Partei und der Wirklichkeit fungieren müssen. Den Parteimitgliedern quasi noch vorgeschaltet, soll die Organisation der Sympathisierenden, die ihr Leben nur in der nicht-totalitären Umwelt verbringen, das pseudo-normale Umfeld der totalitären Bewegung bilden. Dieses Organisationsprinzip, einen harten ideologischen Kern zu schaffen und gleichzeitig nach außen durch andere Massenorganisationen die Fassade einer angeblichen Normalität zu bewahren, die Arendt einmal die „Zwiebelstruktur der Bewegung“ nennt, bleibt auch nach der Machtergreifung bestehen.

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