Terror als eigentliches Wesen totaler Herrschaft

Der eigentliche Methode der totalitären Bewegungen, die fiktive Ideologie als angebliches Gesetz der Geschichte zu verwirklichen, ist der spezielle totalitäre Terror, für Arendt das eigentliche Wesen der totalitären Herrschaft.

„Totalitärer Terror, sofern er dies in seinen Anfangsstadien auch tut, unterscheidet sich nicht prinzipiell von anderen Formen der Tyrannis. Nur dass dieser nicht den willkürlich-tyrannischen Willen eines einzelnen über die ihres Schutzes beraubten und zu Ohnmacht verdammten Menschen loslassen will, noch die despotische Macht eines einzigen gegen alle anderen, noch, und am allerwenigsten, die Anarchie eines Krieges aller gegen alle“. Hat der Terror in „normalen“ Diktaturen oder Despotien „nur“ den Zweck, den oppositionell Kräfte gegen das System zu beseitigen, ist in totalitären Herrschaftsformen der Terror an sich das zentrale Herrschaftsinstrument, ja sein eigentliches Lebenselixier. Denn nur durch ihn kann die totalitäre Bewegung ihren Anspruch, den Menschen total zu beherrschen und so das durch die Ideologie vorgezeichnete Gesetz der Geschichte umzusetzen, verwirklichen. Wird der Terror in Diktaturen mit der Ausschaltung jeglicher Opposition überflüssig, so werde in totalitären Herrschaftssystemen „die vollkommene Herrschaft des Terrors erst dann losgelassen, wenn jegliche Opposition, gegen die er sich wenden könnte, erloschen ist.“

Das „eiserne Band des Terrors“

Dieser totalitäre Terror zeigt sich vor allem in der völligen Missachtung gegenüber jeglichen – auch von den totalitären Führern selbst erlassenen – Gesetzen und Normen, die den Menschen einen stabilisierenden Ordnungsrahmen vorgeben könnten. Stattdessen ersetzt der Terror zunehmend jede rechtliche Ordnung und wird damit „die einzige Gesetzeskraft in einer Welt ohne Gesetze“. Dieser willkürliche Terror sollte jegliches soziales Gefüge zwischen den Menschen, jede Privatheit des Einzelnen auslöschen, um den Menschen völlig zu einem willenlosen Instrument in den Händen einer totalitären Bewegung zu machen. Der Einzelne soll nicht nur als Staatsbürger, sondern auch als private Person vernichtet werden, um damit jegliche individuelle Spontanität und jegliches individuelles Handeln zu zerstören. Denn erst „wenn sie (die totalitäre Herrschaft  – CM) das privat-gesellschaftliche Leben der Unterworfenen in das eiserne Band des Terrors spannt“, wird die totalitäre Herrschaft in den Augen Arendts „wahrhaft total“. Auf diese Weise raubt totalitäre Herrschaft den Menschen nicht nur ihre Fähigkeit zu handeln, „sondern macht sie im Gegenteil, gleichsam als seien sie alle wirklich nur ein einziger Mensch, mit unerbittlicher Konsequenz zu Komplizen aller von dem totalitären Regime unternommenen Aktionen und begangenen Verbrechen“ (975).

Wäre die totalitäre Herrschaft nichts anderes als eine moderne Form der Tyrannei, also „nur“ eine Form der politischen Unterdrückung, so würde sie sich eben damit zufriedengeben, die politische Sphäre der Menschen zu zerstören, also ihr Handeln zu verwehren und Ohnmacht zu erzeugen. Totalitäre Herrschaft aber wird wahrhaft total in dem Moment – und sie vergewissert sich dessen auch immer und immer wieder –, „wenn sie das privat-gesellschaftliche Leben der ihr Unterworfenen in das eiserne Band des Terrors spannt. Dadurch zerstört sie einerseits alle nach Fortfall der politisch-öffentlichen Sphäre noch verbleibenden Beziehungen zwischen Menschen und erzwingt andererseits, dass die also völlig Isolierten und voneinander Verlassenen zu politischen Aktionen (wiewohl natürlich nicht zu echtem politischen Handeln) wieder eingesetzt werden können“.

Während sich die Tyrannis mit der Gesetzlosigkeit begnügt, setzt der totale Terror an die Stelle der Zäune des Gesetzes und der gesetzmäßig etablierten und geregelten Kanäle menschlicher Kommunikation ein eisernes Band, das alle so eng aneinander schließt, dass nicht nur der Raum der Freiheit, wie er in verfassungsmäßigen Staaten zwischen den Bürgern existiert, sondern auch „die Wüste der Nachbarlosigkeit und des gegenseitigen Misstrauens, die der Tyrannis eigentümlich ist, verschwindet, und es ist, als seien alle zusammengeschmolzen in ein einziges Wesen von gigantischen Ausmaßen“ (957f).

Aus vielen Menschen einen Menschen machen

Das eigentliche Ziel des totalitären Terrors ist es also, „aus vielen einen Menschen gemäß dem Willen der totalitären Führer zu formen. Die Konzentrationslager mit ihrer totalen Verfügungsgewalt über die Insassen dienten dabei als Laboratorien. In ihnen sollten nicht nur Menschen, sondern auch das menschliche Wesen in ihnen ausgerottet werden und damit „richtungsgebende Gesellschaftsideal für die totale Herrschaft überhaupt“ geschaffen werden, nämlich durch Zerstörung jeglicher Individualität „Menschen in Exemplare der menschlichen Tierart zu verwandeln.“ Die Lager dienen nicht nur der Ausrottung von Menschen und der Erniedrigung von Individuen, sondern auch dem ungeheuerlichen Experiment, unter wissenschaftlich exakten Bedingungen Spontaneität als menschliche Verhaltensweise abzuschaffen und Menschen in ein Ding zu verwandeln, das unter gleichen Bedingungen sich immer gleich verhalten wird, also etwas, was selbst Tiere nicht sind. Die Konzentrationslager waren das das Ideal der totalitären Herrschaft, hier wurde den Menschen das genommen, was sie überhaupt erst zu Menschen gemacht hatte: ihre Möglichkeit nach eigenen Überlegungen zu handeln und neu zu beginnen. Angst und Schrecken werden durch eben diese Lager, aber auch durch Denunziation der vereinzelten Menschen in der Masse verbreitet. Unter solchen Bedingungen wird Handeln unmöglich, wird die menschliche Spontaneität zerstört.

Masse Mensch

Der Terror und die ständige Furcht vor den Konzentrationslagern ziehen die Massen restlos in den Strudel der totalitären Bewegung. An dieser durch Terror zusammengehaltenen „Masse Mensch“ werden jetzt erbarmungslos die „übermenschlichen Gesetze von Natur und Geschichte vollzogen“, die die totalitäre Ideologie vorgeben. Um diesen totalitären politischen Körper, der durch „das eiserne Band des Terrors“ aus den Massen zusammengeschweißt wurde, zu bewahren, muss die totalitäre Bewegung und mit ihr die Menschen in einer permanenten Bewegung gehalten werden und daher immer neue „objektive Gegner“ des notwendigen Geschichts- beziehungsweisen Naturprozesses gefunden werden, die ausgemerzt werden müssen.

Die totale Herrschaft stellt in den Augen Hannah Arendts eine Art prinzipiell nie endendes Perpetuum mobile dar, einen gigantischen Zerstörungsprozess, den das System mit immer mehr hilflosen menschlichen Wesen versorge. Die Menschen sind als handelnde Wesen überflüssig und dienen nur noch als Rohmaterial für die zwangsläufigen Prozesse.

Am Nullpunkt des Politischen

Die vollkommen totalitär beherrschte Gesellschaft bildet den absoluten Nullpunkt des Politischen. Die hauptsächlichen Merkmale totalitärer Regime sind neben der Zerstörung des Privaten und des Politischen der stetig fortschreitende Massenmord; ihr Wesen ist der Terror, der sich in den KZ kristallisiert. Niemand kann unter totalitärer Herrschaft vor dem KZ sicher sein. Jedes noch so private Gespräch, jede noch so private Beziehung wird vergiftet von der Angst vor Denunzierung. Damit ist die Spontaneität des privaten zwischenmenschlichen Bereichs vernichtet. Durch deren Gleichschaltung wird auch das Politische, das auf dem freien Austausch von Meinungen beruht, zerstört.

„Du sollst töten“ als kategorischer Imperativ des Totalitären

Der nie enden könnende Massenmord gibt der totalitären Herrschaft ihre existenzielle Un-Menschlichkeit. Denunziation und das Verbot öffentlicher Meinungsäußerung können auch in anderen Staatsformen vorkommen, aber erst die Drohung des Konzentrationslagers legt den Keim der Todesangst in jedes Herz, erst der totale Terror kann den totalen Gehorsam erzwingen. Das Wesen des totalitären Regimes ist ein ständiges Töten. Dieses Töten kann und darf nie aufhören, weil die von ihm erzeugte Todesangst das eigentlich wirksame Herrschaftsinstrument ist. Dieser Terror endet folglich nicht, wenn die Opposition ausgeschaltet ist, sondern wird dann im Gegenteil noch verstärkt: Terror hört auf, ein bloßes Mittel für die Brechung des Widerstands und die Bewachung der Bevölkerung zu sein, wenn alle wirkliche Opposition liquidiert und die Bevölkerung so organisiert ist, dass sie sich ohnehin nicht mehr rühren kann, einer eigentlichen Bewachung also kaum noch bedarf. Erst in diesem Stadium beginnt die wirklich totale Herrschaft. Deshalb ist die totalitäre Herrschaft terroristisch im eigentlichen Wortsinn. Daraus folgt auch, dass Rassismus oder Antisemitismus gegen jede beliebige andere Doktrin austauschbar sind, solange das Dogma erhalten bleibt, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen „ausgemerzt“ werden müssen.

Was in totalitärer Herrschaft durch den Terror  politisch realisiert wird, ist die Erfahrung der Verlassenheit. Der Mensch ist atomisiert von seinesgleichen und deswegen manipulierbar, weil er nicht handeln kann: „Verlassenheit entsteht, wenn aus gleich welchen personalen Gründen ein Mensch aus dieser Welt hinausgestoßen wird, oder wenn aus gleich welchen geschichtlich-politischen Gründen diese gemeinsam bewohnte Welt auseinander bricht und die miteinander verbundenen Menschen plötzlich auf sich selbst zurückwirft. In der Verlassenheit sind Menschen wirklich allein, nämlich verlassen nicht nur von anderen Menschen und der Welt, sondern auch von dem Selbst, das zugleich jedermann in der Einsamkeit sein kann. So sind sie unfähig, den Zwiespalt der Einsamkeit zu realisieren, und unfähig, die eigenen, von den anderen nicht mehr bestätigte Identität mit sich selbst aufrechtzuerhalten. In dieser Verlassenheit gehen Selbst und Welt, und das heißt echte Denkfähigkeit und echte Erfahrungsfähigkeit, zugleich zugrunde“

 

Literaturhinweise:

Primärquellen:

  • Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft – Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft, München 1998 ( daraus auch die Zitate im Text).

Print-Sekundärliteratur ( Auswahl ):

  • Alois Prinz, Hannah Arendt oder die Liebe zur Welt, Berlin 2012.
  • Heiner Bielefeldt, Wiedergewinnung des Politischen – Einführung in Hannah Arendts politisches Denken, Würzburg 1993.
  • Karl Heinz Breuer, Hannah Arendt, Berlin 1992.
  • Daniel Ganzfried u.a. (Hg.), Hannah Arendt – Nach dem Totalitarismus, Hamburg 1997.
  • Achim Wagenknecht, Einführung in die politische Philosophie Hannah Arendts, Marburg 1995.

 

 

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