Das bewegte Leben der Hannah Arendt: Das Interview mit Günter Gaus

„Denken ohne Geländer“ nannte Arendt ihre geistige Arbeit, die sich in keine Schublade einordnen lässt. Eine kurze biografische Skizze der wohl wichtigsten politischen Denkerin des 20. Jahrhunderts entlang ihres berühmten Interviews mit Günter Gaus aus dem Jahr 1964. 

Hannah Arendt war eine Frau. Das ist innerhalb der akademisch-politischen Männerwelt, in der sie sich zeit Ihres Lebens bewegte, tatsächlich immer eine Nachricht gewesen. Auch wenn Arendt alles andere als eine klassische Frauenrechtlerin war, war sie sich ihrer Sonderrolle in ihrem Fach, der politischen Theorie, immer bewusst. Die Männerwelt hat sie mit emanzipatorischem Selbstbewusstsein, ja teils auch mit spöttischer Ironie betrachtet. “ Männer wollen immer furchtbar gern wirken; aber ich sehe das gewissermaßen von außen. Ich selbst wirken? Nein, ich will verstehen“, sagte sie in dem berühmten Fernsehinterview von 1964 mit Günter Gaus. Es ist unten verlinkt. Auf die Frage, ob es das Emanzipationsproblem für sie überhaupt gegeben habe, sagte Arendt:

Ja, das Problem als solches gibt es natürlich immer. Ich bin eigentlich altmodisch gewesen. Ich war immer der Meinung, es gibt bestimmte Beschäftigungen, die sich für Frauen nicht schicken, die ihnen nicht stehen, wenn ich einmal so sagen darf. Es sieht nicht gut aus, wenn eine Frau Befehle erteilt. Sie soll versuchen, nicht in solche Positionen zu kommen, wenn ihr daran liegt, weibliche Qualitäten zu behalten. Ob ich damit Recht habe oder nicht, weiß ich nicht. Ich selber habe mich irgendwie, mehr oder minder unbewußt – oder sagen wir besser: mehr oder minder bewusst – danach gerichtet. Das Problem selber hat für mich persönlich keine Rolle gespielt. Sehen Sie, ich habe einfach gemacht, was ich gerne machen wollte.

Das intellektuelle Ausnahmetalent

Wirkung auf die Außenwelt hatte Arendt ihr ganzes Leben ausgeübt. Sie war von klein auf eine intellektuelle Ausnahmebegabung. Wie selbstverständlich debattierte bereits die Studentin Arendt mit ihrem akademischen Mentor Martin Heidegger auf gleicher Augenhöhe. Dieser war schon damals eine Ikone, an ihm rieb sie sich politisch sowie akademisch lebenslang und mit ihm unterhielt sie auch privat – zumindest zeitweise – eine enge Beziehung. Schon in der Schulzeit unterschieden sich Arendts Interessen erheblich von denen ihrer Altersgenossen: So las sie mit 14 Jahren Kant und griechische Poesie – in der Originalsprache. Zu ihrer Studienwahl sagte sie wörtlich:

„Philosophie stand fest. Seit dem 14. Lebensjahr. Ich habe Kant gelesen. Da können Sie fragen: Warum haben Sie Kant gelesen? Irgendwie war es für mich die Frage: Entweder kann ich Philosophie studieren oder ich gehe ins Wasser sozusagen. Daraufhin las ich Kierkegaard, und so hat sich das dann gekoppelt mit Theologie. Das hat sich dann so gekoppelt, daß das beides für mich zusammengehörte. Ich hatte dann nur Bedenken, wie man das denn nun macht, wenn man Jüdin ist. Und wie das vor sich geht. Ich hatte doch keine Ahnung, nicht wahr? Da hatte ich schwere Sorgen, die sich dann ohne weiteres beheben ließen. Griechisch ist eine andere Sache. Ich habe immer sehr griechische Poesie geliebt. Und Dichtung hat in meinem Leben eine große Rolle gespielt. So nahm ich Griechisch dazu, weil das am bequemsten war. Das las ich sowieso.“

 Jüdisch-Sein

Aber der wichtigste Unterschied war ihre Religionszugehörigkeit: Sie war Jüdin. „Ich wusste als Kind, dass ich jüdisch aussehe“, bekannte Arendt in dem genannten Interview. Eine Tatsache, weswegen sie „keine Minderwertigkeit empfunden“ hat, die aber ihr ganzes Leben bestimmte, wie es für alle Juden im nationalsozialistischen Deutschland der 1930er-Jahren galt. In dem Interview spricht sie auch über die verstörende Erfahrung des Antisemitismus in Kindheitstagen und auch den familiären Umgang mit ihr:
„Ich, zum Beispiel, glaube nicht, daß ich mich je als Deutsche – im Sinne der Volkszugehörigkeit, nicht der Staatsangehörigkeit, wenn ich mal den Unterschied machen darf – betrachtet habe. Ich besinne mich darauf, daß ich so um das Jahr ‘30 herum Diskussionen darüber zum Beispiel mit Jaspers hatte. Er sagte: „Natürlich sind Sie Deutsche!“ Ich sagte: „Das sieht man doch, ich bin keine!“ Das hat aber für mich keine Rolle gespielt. Ich habe das nicht etwa als Minderwertigkeit empfunden. Das gerade war nicht der Fall. Und wenn ich noch einmal auf das Besondere meines Elternhauses zurückkommen darf: Sehen Sie, der Antisemitismus ist allen jüdischen Kindern begegnet. Und er hat die Seelen vieler Kinder vergiftet. Der Unterschied bei uns war, daß meine Mutter immer auf dem Standpunkt stand: Man darf sich nicht ducken! Man muß sich wehren!
Wenn etwa von meinen Lehrern antisemitische Bemerkungen gemacht wurden – meistens gar nicht mit Bezug auf mich, sondern in bezug auf andere jüdische Schülerinnen, zum Beispiel ostjüdische Schülerinnen –, dann wurde ich angewiesen, sofort aufzustehen, die Klasse zu verlassen, nach Hause zu kommen, alles genau zu Protokoll zu geben. Dann schrieb meine Mutter einen ihrer vielen eingeschriebenen Briefe; und die Sache war für mich natürlich völlig erledigt. Ich hatte einen Tag schulfrei, und das war doch ganz schön. Wenn es aber von Kindern kam, habe ich es zu Hause nicht erzählen dürfen. Das galt nicht. Was von Kindern kommt, dagegen wehrt man sich selber. Und so sind diese Sachen für mich nie zum Problem geworden. Es gab Verhaltensmaßregeln, in denen ich sozusagen meine Würde behielt und geschützt war, absolut geschützt, zu Hause.“

Denken nach dem Zivilisationsbruch

Bereits im Jahr der „Machtergreifung“ floh Arendt aus Berlin und kämpfte in den 1930er-Jahren in noch nicht besetzten Ländern Europas aktiv gegen das Regime. Sie trat der zionistische Bewegung bei und versuchte, Juden praktisch zu helfen. Zeitweise organisierte sie die Auswanderung jüdischer Flüchtlinge nach Palästina. 1939 wurde ihr die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt. 1940 reiste sie von Paris in die sicheren USA und erfuhr dort von dem Schrecken von Auschwitz, einem Wissen, das sie fundamental verstörte. So bekannte sie 1964 gegenüber Gaus:

„Das war 1943. Und erst haben wir es nicht geglaubt. Obwohl mein Mann und ich eigentlich immer sagten, wir trauen der Bande alles zu. Dies aber haben wir nicht geglaubt, auch weil es ja gegen alle militärischen Notwendigkeiten und Bedürfnisse war. Mein Mann ist ehemaliger Militärhistoriker, er versteht etwas von den Dingen. Er hat gesagt, laß dir keine Geschichten einreden; das können sie nicht mehr! Und dann haben wir es ein halbes Jahr später doch geglaubt, weil es uns bewiesen wurde. Das ist der eigentliche Schock gewesen. Vorher hat man sich gesagt: Nun ja, man hat halt Feinde. Das ist doch ganz natürlich. Warum soll ein Volk keine Feinde haben? Aber dies ist anders gewesen. Das war wirklich, als ob der Abgrund sich öffnet. Weil man die Vorstellung gehabt hat, alles andere hätte irgendwie noch einmal gutgemacht werden können, wie in der Politik ja alles einmal wieder gutgemacht werden können muss. Dies nicht. Dies hätte nie geschehen dürfen. Und damit meine ich nicht die Zahl der Opfer. Ich meine die Fabrikation der Leichen und so weiter – ich brauche mich darauf ja nicht weiter einzulassen. Dieses hätte nicht geschehen dürfen. Da ist irgend etwas passiert, womit wir alle nicht fertig werden. Über alle anderen Sachen, die da passiert sind, muß ich sagen: Das war manchmal ein bißchen schwierig, man war sehr arm, und man war verfolgt, man mußte fliehen, und man mußte sich durchschwindeln und was immer; wie das halt so ist. Aber wir waren jung. Mir hat es sogar noch ein bißchen Spaß gemacht. Das kann ich gar nicht anders sagen. Dies jedoch, dies nicht. Das war etwas ganz anderes. Mit allem andern konnte man auch persönlich fertig werden.“

Die theoretische Auseinandersetzung, wie es zu diesem radikalen Traditionsbruch kommen konnte, wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkrieg zum zentralen Erkenntnisinteresse ihrer akademischen wie publizistischen Arbeit. Arendts Hauptwerke richteten ihren Blick auf die wesentlichen Bestandteile des Totalitarismus bzw. auf die anthropologischen und historischen Voraussetzungen, die ihn überhaupt erst ermöglichten. Arendt sah in der Verlassenheit des isolierten Individuums in der modernen Massengesellschaft die Bedingung für die Entstehung von totaler Herrschaftssysteme wie dem Nationalsozialismus und Stalinismus . Totalitäre Systeme verfolgen den Anspruch, den Menschen vollständig zu beherrschen und zum bloßen Material für die Exekution einer vorgeblich geschichtlich notwendigen Entwicklung zu degradieren. Das eigentliche Wesen jeder totalen Herrschaft sei deswegen das Konzentrationslager, das den einzelnen Menschen vernichten und seiner eigentlichen Menschlichkeit berauben wolle.

Intellektuelle Heimatlose

Richtig heimisch ist Arendt nach eigenen Angaben nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr geworden. Zu Deutschland entwickelte sie trotz diverser Auszeichnungen ein distanziertes Verhältnis, in ihrer Wahlheimat USA verlor sie nie die Distanz zur fremden englischen Sprache. Heimat war für Arendt aber immer auch eine mentale Kategorie und damit global gültig. „Ich will verstehen“, sagte sie Gaus, „und wenn andere Menschen verstehen – im selben Sinne, wie ich verstanden habe -, dann gibt mir das eine Befriedigung wie ein Heimatgefühl“. Für sie zentral bleibt das politische Handeln in der Öffentlichkeit als Freie. Wobei wir nie wissen können, was sich aus den verschiedenen gemeinsamen Meinungen ergibt. Denn geschichtliche Ergebnisoffenheit ist das demokratische Gegenmodell zum totalitären Gesamterklärversuch.

„Das Wagnis der Öffentlichkeit scheint mir klar zu sein. Man exponiert sich im Lichte der Öffentlichkeit, und zwar als Person. Wenn ich auch der Meinung bin, daß man nicht auf sich selbst reflektiert in der Öffentlichkeit erscheinen und handeln darf, so weiß ich doch, daß in jedem Handeln die Person in einer Weise zum Ausdruck kommt wie in keiner anderen Tätigkeit. Wobei das Sprechen auch eine Form des Handelns ist. Also das ist das eine. Das zweite Wagnis ist: Wir fangen etwas an; wir schlagen unseren Faden in ein Netz der Beziehungen. Was daraus wird, wissen wir nie. Wir sind alle darauf angewiesen zu sagen: Herr vergib ihnen, was sie tun, denn sie wissen nicht, was sie tun. Das gilt für alles Handeln. Einfach ganz konkret, weil man es nicht wissen kann. Das ist ein Wagnis. Und nun würde ich sagen, daß dieses Wagnis nur möglich ist im Vertrauen auf die Menschen. Das heißt, in einem – schwer genau zu fassenden, aber grundsätzlichen – Vertrauen auf das Menschliche aller Menschen. Anders könnte man es nicht.“

 

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